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Montag, 17. Juli 2017

Hautsache - über den Alltagsrassismus in unserer Gesellschaft

"Denn viele Leute können sich nicht vorstellen
Und wissen nicht was es heißt,
Wenn dein Sohn neben dir im Bett liegt
Und dir sagt er wär' gerne weiß."
- aus "Superheld" von Samy Deluxe

Neulich laß ich mir den Blogartikel von Rebecca von Elfenkind durch. Ein ganz persönlicher, intimer Text über den Rassismus, den sie und ihre Familie im Alltag erleben. Warum? Weil sie dunkler sind als wir vermeintlichen Otto-Normalverbraucher. Und weil die Menschen engstirnig sind. Vielleicht aber auch einfach nur dumm. Ich weiß es nicht.
Als eine Frau mit heller Haut und straßenköterblonden, glatten Haaren habe ich all diese Erfahrungen zum Glück nicht in meiner Kindheit oder Jugend erleben müssen. Rassismus war lange ein Begriff, der bekannt, aber in meinem Umfeld nicht sichtbar war. Vielleicht weil ich naiv war, vielleicht weil die meisten Freundschaften dann doch auf Personen ohne blinkendes Blaulicht für rassistische Anfeindungen auf dem Kopf beruhten. Ich war mit dem Thema einfach nicht konfrontiert.

Durch das Kennenlernen meines Freundes mit dunkler Haut änderte sich dies. Plötzlich war da der Schwarze, der Afrikaner. Also der Freund, der aufgrund seiner Hautfarbe und seiner Herkunft nur darauf reduziert werden konnte. Auch von vermeintlichen Freunden wurden teilweise verletztende "nur aus Spaß" gesagte Phrasen hineingeworfen. Aber hey, ist schon okay - ich war jetzt also die, die sich auf Polygamie und AIDS einlassen würde. 
Mein Freund war rassistische Äußerungen bereits aus seiner Heimat bekannt. Offiziell mag die Apartheit in Südafrika überwunden, die Trennung besteht aber vielerorts immer noch. So durften wir bereits die einen oder anderen schäbigen Blicke oder Sprüche über uns ergehen lassen, wenn ich ihn in Südafrika besuchte. Weil ich hell und er dunkel war. Wegen einer Farbe.
Nun lebt mein Freund hier in Deutschland und darf sich auch hier teilweise schlimme Sprüche anhören. Er ist noch immer der Schwarze. Der Afrikaner. Manchmal auch der Neger. Der nichts versteht. Der nichts kann. Und kann er doch, ist man erstaunt. Er ist schließlich Afrikaner.
Wenn er mir nach der Arbeit von schlimmen Kunden erzählt, kann ich es manchmal nicht glauben, wie sie sich teilweise äußern. Ich schäme mich für die mir unbekannten Personen. Wie sie sich manchmal zieren, von ihm bedient zu werden. Er könne das ja eh nicht. Wenn er mir am Abend solche Geschichten erzählt, wird mir schlecht, ich werde sauer und rege mich auf. Er bleibt ruhiger - sie seien nur dumm für ihn und manchmal lacht er über sie. Manchmal weist er sie in ihre Schranken. Manchmal klärt er sie über gewisse Ding auf und scheint sogar auf Verständnis zu stoßen. Ich bin froh, dass er was sagt - und auch hier würde ich mir gerne manchmal eine Scheibe abschneiden. Vielleicht lässt die Angst vor dem Fremden einige gar nicht zu ein eigenes Urteil zu bilden bis sie selbst auf das Fremde stoßen. Nur so kann ich mir erklären, warum beispielsweise im Osten Deutschlands trotz wesentlich geringerem Ausländeranteil ein höherer Anteil an rechts-orientierten Menschen lebt.
Manchmal gibt es aber auch Situationen, wo er sich aufgrund seiner Hautfarbe, seiner Herkunft schlechter behandelt fühlt und ich es, nach den Erzählungen oder weil ich dabei war nicht so aufgenommen habe. Situationen, in denen ich nicht weiß, ob betroffene Personen schnell aus Gewohnheit empfindlich reagieren oder meine Blindheit, weil ich selbst nicht betroffen bin, mir im Weg steht.

 
Und dann ist da noch unser Sohn, unser kleiner König, der optisch eher dem Papa zuzuordnen ist. Bei dem kleinen König sieht es bisher "harmloser" aus. Durchaus sind die Kommentare zu ihm immer recht "positiv" oder ...ich sage mal lieber zumindest positiv gemeint. So ist er meist nur "so niedlich mit der dunklen Haut und den Löckchen.", dieses "Schokobaby". Manchmal streicheln sie ihm auch ungefragt durch die Haare, auch wenn die sich nicht sonderlich von rein europäischen Lockenköpfen unterscheiden. Kann man ja mal machen, so wie ich auch dem Herren an der nächsten Supermarktkasse mal schnell den Bart kraule, bevor ich bezahle - nur um mal zu wissen, wie sich so ein Vollbart anfühlt. Die Reaktion von Katarina von Blogprinzessin auf solche Situationen, mit denen sich ja nicht nur Mütter und Väter aus binationalen Partnerschaften konfrontiert fühlen - der Wahnsinn. Manchmal möchte ich mir eine Scheibe ihres Muts abschneiden.
Und dann gibt es Situationen, in denen ich etwas sprachlos und peinlich berührt bin. Wie neulich, als mich zwei ältere Damen, die mit ihrem Rollator an uns vorbeizogen, fragten, ob der Kleine denn Deutsch sprechen würde, weil er doch so dunkel sei. Aber es sind ja niedliche ältere Herrschaften, also versuche ich nett zu lächeln, das Ganze lockerer zu sehen und suche nach einer passenden Antwort. Manchmal können Kinder es aber auch nicht glauben, dass ich die Mama bin. Ich bin ja schließlich hell und er dunkel und sind sichtlich irritiert, wenn ich es dann nochmal bestätige. Aber es war halt ein Kind. Und dann war da noch der Vorfall im Wartezimmer der Kinderärztin, wo u.A. auch ein dunkelhäutiger Mann mit seiner Tochter saß und eine Zeitung laß. Und dann war da dieses Kind mit heller Haut, definitiv schon im Schulalter, mit seiner Mama und fragte seine Mama laut, warum der Afrikaner denn eine Zeitung in der Hand halten würde - er könne doch gar nicht lesen. Eine peinliche Stille, bis der Mann reagierte und meinte "Na klar, kann ich lesen. Ich bin sogar Ingenieur." Die Mama war ebenfalls entsetzt über die Äußerungen des Kindes und ich will ihr keinen Vorwurf machen. Sie tat mir in dem Moment richtig leid, wie sie alle ansahen und sie dabei ihren Sohn fragte, wieso er so etwas sagen würde. Aber ich frage mich, wie dieses Kind zu solchen Äußerungen kommt. Von Mitschülern vermutlich. Aber woher kommen diese zu solchen dummen Aussagen.
Es sind Momente, in denen ich innerlich den Kopf schüttele. Es sind Momente, die mich aber bisher - bis vielleicht auf die Situation im Wartezimmer, in der wir aber nicht direkt involviert waren - nicht sehr entsetzen, im Gegensatz zu Geschichten aus dem Alltag des Königpapas. Es sind aber vielleicht Dinge, die - sofern sie häufiger vorkommen und Gewohnheit werden - meinen Sohn im Alter stören werden. Vermutlich auch mich irgendwann. Weil er reduziert wird. Auf eine Farbe.
Vielleicht wird mein Sohn irgendwann auf den Königspapa und mich zukommen und wie Samy Deluxe's Sohn sagen, dass er gerne weiß sein würde - nur dass wir dann aufgrund unserer vielleicht nicht ganz so kreativen Ader nicht gleich einen Song für ihn dichten können.
Vielleicht ist es aber ja gar nicht so, wenn wir uns alle einfach mal ein wenig anstrengen würden. Wenn wir alle mal langsam akzeptieren würden, dass die Welt bunt ist und wir doch gleich sind. Vielleicht gibt es dann ja doch eine Welt, in denen ich unbekümmert mit meiner Familie von A nach B reisen kann. Vielleicht gibt es dann ja doch eine Welt, in der ich mir nicht solche Gedanken um die Zukunft meines Sohnes machen muss.

Vielleicht wird ja doch alles besser.

Liebe Grüße